October 4, 2022

Krach innerhalb der Türkischen Gemeinde

Der Dokumentarfilm “Aghet” und die anschließende Diskussionsrunde auf Phoenix hat innerhalb und außerhalb der Türkischen Gemeinde in Deutschland Kenan Kolat Kritik eingebracht.

Der 90-minütige Streifen „Aghet” (armenisch: „die Katastrophe”) erzählt den sogenannten Genozid an den Armeniern, bei dem zwischen 1915 und 1918 nach europäischer Lesart bis zu 1,5 Millionen Menschen im Osmanischen Reich (heute Türkei) ums Leben kamen. Der immer wieder als der “erste Völkermord des 20. Jahrhunderts” genannte “Menschheitsverbrechen”, muss sich dabei stets neben dem “ersten Völkermord an den Herero” behaupten, der mehrere Jahrzehnte zuvor stattfand und ebenso nach europäischer Lesart etabliert wurde. Der Film der über die Landesrundfunkanstalt NDR am 9. April gesendet wurde, hat nun nicht nur für Verärgerung und Unmut innerhalb der türkischen Gemeinde in Europa gesorgt, sondern auch einen Eklat innerhalb der TGD (Türkische Gemeinde in Deutschland).

Seit mehreren Wochen wird Kenan Kolat, Vorsitzender der TGD wegen einer veröffentlichten Presseerklärung kritisiert, die im nach hinein vom früheren ARD Südwestrundfunk Intendanten und jetzigen Vorsitzenden der ARD Peter Boudgoust in einem Artikel des SWR Erwähnung fand. Darin bezog sich Boudgoust auf Kenan Kolat mit folgendem Wortlaut für die Authentizität des Dokus:

„Aghet-Ein Völkermord“ dokumentiert sorgfältig recherchiert ein Verbrechen, das vor 95 Jahren von den Machthabern des damaligen Jungtürkischen Regimes im Osmanischen Reich organisiert und durchgeführt wurde. Die Aktenlage diesbezüglich ist unbezweifelbar; die Echtheit der verwendeten Dokumente ist eindeutig. Ihre Authentizität wird auch vom TGD Vorsitzenden, Herrn Kenan Kolat, auf der türkisch-sprachigen Webseite der TGD bestätigt

Die Veröffentlichung des Artikels in der SWR hat nun für Krach innerhalb und außerhalb der türkischen Gemeinde in Deutschland gesorgt. Mehrere Vereinsmitglieder im Umfeld der TGD sowie türkischstämmige Persönlichkeiten kritisieren nun die Wortwahl und die Presseerklärung selbst. Kenan Kolat nahm die Kritiken zum Anlass, ein Statement abzugeben. Darin bekräftigt Kolat, dass die Angriffe gegen seine Person und gegen die TGD zur eigenen Profilierung missbraucht werden. Die Kritiken hätten das Ziel, der TGD zu Schaden. Innerhalb der TGD habe er Zuspruch aus dem Umfeld der TGD erfahren und erwarte ebenso auch die Rückendeckung der anderen.

Dennoch scheint die Kritik nicht abzuebben. Mehrere Schreiben gingen an den Vorsitzenden der TGD, in der seine Presseerklärung sowie die Haltung erneut unter Beschuss genommen wurden. Er habe mit dieser Erklärung erheblichen Schaden verursacht, könne mit dieser Argumentation, die Kompletttheorien ähneln, die Sachlage nicht in Abrede stellen und die wäre: er habe mit der TGD einen Hoheitsanspruch über die historische Bedeutung der verwendeten Dokumente beansprucht, auf denen dieser Dokumentarfilm beruhe und sie kategorisch in die authentische und damit der belastende Quellenlage zugeordnet.

Zwar gibt man zu, er habe die Beurteilung durch ein Dokumentarfilm als Einseitig eingestuft, dennoch könne er als unerfahrener und ebenso Aussenstehedender der Materie, über historische Ereignisse nicht in dieser Form Urteile im Namen der türkischen Gemeinde treffen, insbesondere wenn es um die Aktenlage des Auswärtigen Amtes gehe, auf dem der Dokumentarfilm grundlegend aufbaut. Ebenso sei es unverständlich, dass die Presseerklärung weiterhin Online auf der Webseite der TGD erreichbar ist, nach dem man die TGD darüber aufgeklärt hat. Als einen weiteren Kritikpunkt fasst man dabei Kenan Kolats Interview gegenüber der Nachrichtenagentur Anadolu Ajansi, in dem er die Bewertung der stellvertretenden Vorsitzenden Sabriye Subcun als Steilvorlage benutze und dessen Aussage über die Authentizität der Dokumente zu Grunde legt.

Unter den Kritikpunkten des Dokumentarfilms zählt man u.a. die Nennung der UN in Zusammenhang mit der Anerkennung des Völkermords an den Armeniern per Resolutionsbeschluß. Dieser Beschluss sei nicht existent, weshalb man verwundert feststelle, dass die Türkei und die Türken davon noch nichts schriftliches in Erfahrung bringen konnten, noch eine Bestätigung dessen erhielten und ebenso erstaunt sei, das Kenan Kolat das so annehme. Ebenso wird das Hitler-Zitat, das im Dokumentarfilm angesprochen wurde, aufgeführt und die Authentizität auf Grundlage des bisherigen Forschungsstandes in Abrede gestellt. Hrant Dinks Ermordung in Istanbul in Zusammenhang mit dem Völkermord zu nennen, sei bewusst durch die Doku aus geschlachtet worden und die angeblichen Pläne des damaligen Enver-Pascha Triumphierats Talat Pascha seien seit langem als Fälschung entlarvt worden.

Man ist gespannt, wie dieser Eklat endet, denn die Diskussion wird auf der einen Seite durch Kenan Kolat als Torpedierung der TGD und seiner Person bewertet. Auf der anderen Seite werfen ihm Kritiker vor, historische Bewertungen ohne Grundlagenkenntnisse vorgenommen und als Steilvorlage den europäischen Medien auf dem Tablett präsentiert zu haben. Eines dieser Schreiben haben wir erhalten, den wir auch ihnen nicht vorenthalten wollen und als Anhang präsentieren.

turkishpress.de

photo by centerarnews.com

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