December 3, 2021

An die Redaktion Sehr geehrte Damen und Herren,

am 24. April 2010 jährt zum 95. Mal der Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich. Dieser Völkermord, der sich neben dem Holocaust als eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte darstellt, wird nach wie vor von Seiten des türkischen Staates als Nachfolgerin des Osmanischen Reichs geleugnet. Aus Staatsräson und Rücksichtnahme auf die türkischen Gemüter vermeidet es auch die Internationale Gemeinschaft, offen über dieses Thema zu sprechen. Obwohl Raphael Lemkin, der Schöpfer des Begriffs Völkermord und der entsprechenden UN-Konvention, die Motivation für seine Arbeiten aus der Erfahrung des armenischen Völkermordes gewann und diesen als den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts bezeichnete, kämpfen die Nachfahren des Völkermordes auch nach 95 Jahren immer noch darum, dass diese Ereignisse klar beim Namen genannt werden.

Aktuelle Brisanz gewinnt dieses Thema einerseits durch die harschen Reaktionen der Türkei, soweit einzelne Staaten den Völkermord doch auf ihre politische Agenda setzen. Solche Bestrebungen lösen regelmäßig eine diplomatische Krise zwischen der Türkei und den betroffenen Staaten aus. Aus deutscher Sicht bemerkenswert ist allerdings auch, dass ein Großteil der türkischen türkischstämmigen Mitbürger und ihre Organisationen in Deutschland keinerlei Scheu zeigen, bei jeder Gelegenheit den Völkermord an den Armeniern zu bagatellisieren, zu rechtfertigen oder offen zu leugnen. Während ein solches Verhalten in einem anderen Kontext zu strafrechtlicher Verfolgung und gesellschaftlicher Ächtung führen würde (verwiesen sei auf die erheblichen Haftstrafen, die in Prozessen gegenüber Holocaustleugnern ausgesprochen werden), wird das Verhalten der türkischstämmigen Mitbürger in unserer Gesellschaft
weitgehend toleriert, obgleich es strukturell von den gleichen nationalistischen und menschenverachtenden Motiven getragen wird, wie sie rechtsextreme Täter an den Tag legen.

In diesem Zusammenhang kommt den Medien eine besondere Verantwortung zu. Toleranz und Humanismus sind keine Attribute, die ausschließlich die Deutsche Bevölkerung in ihrem Umgang mit fremden Nationen und Kulturen beachten muss. Diese Werte sind universell, die gerade auch für Menschen mit Migrationshintergrund selbstverständlich sein sollten, zumal diese Bevölkerungsgruppe bereits jetzt einen wichtigen Bestandteil der deutschen Gesellschaft ausmacht und in Zukunft noch bedeutender sein wird. Die Integration, über deren Erforderlichkeit ein allgemeiner Konsens besteht, sollte sich nicht auf das Erlernen der Sprache beschränken, vielmehr ist die Vermittlung unserer Werteordnung elementar, um eine demokratische, tolerante und weltoffene Gesellschaft in Deutschland auch in Zukunft zu erhalten.

Ein positives Beispiel in diesem Kontext stellt der Dokumentarfilm “Aghet” dar, der kürzlich von der ARD ausgestrahlt wurde. Die hierdurch angeregte Diskussion ist nicht nur aus der Sicht der Nachfahren der Opfer wichtig, die durch die Leugnung oder Verdrängung dieser Ereignisse aus dem öffentlichen Bewusstsein in ihrer Würde gepeinigt werden. Vielmehr unterstützt er auch den liberalen und reformorientierten Teil der türkischen Gesellschaft, der sich allzu oft durch die Haltung und stillschweigende Kooperation der Weltgemeinschaft mit dem nationalistischen Lager in der Türkei im Stich gelassen fühlt. Auch Sie könnten in diesem Zusammenhang einen wichtigen Beitrag leisten, indem Sie in zeitlichem Zusammenhang mit dem Jahrestag diese schrecklichen Ereignisse zum Thema einer Sendung machen.

Als weitere Anregung füge ich ein Manuskript bei, das als Grundlage für eine von mir gehaltene Rede im Rahmen einer Gedenkveranstaltung der armenischen Gemeinde in Köln diente. Für etwaige Rückfragen und Kommentare stehe ich jederzeit gern zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen,
Frederic MirzaKhanian

Dr. Frederic Mirza Khanian (Rechtsanwalt)

c/o FRESHFIELDS BRUCKHAUS DERINGER LLP
Im Zollhafen 24 (Kranhaus Süd)
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T +49 221 20 50 7 – 251,  +49 221 20 50 7 - 251
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