September 18, 2021

DIE ARMENIER DÜRFEN KEINEN PATRIARCHEN WÄHLEN: IST DAS DER ANFANG VOM ENDE DES ARMENISCH APOSTOLISCHEN PATRIARCHATS IN KONSTANTINOPEL?

Im Juli 2008 wurde bekannt, dass Mesrob Mutafyan, der Patriarch der Armenisch Apostolischen Kirche in Konstantinopel an Alzheimer leidet und sein Amt nicht mehr wahrnehmen kann. Obwohl der Patriarch auf Lebenszeit gewählt wird, war allen klar, dass eine Lösung gefunden werden musste. Offenbar waren aber bestimmte Kreise daran interessiert, dies möglichst lange hinauszuzögern. Diese Verzögerungstaktik ließ sich angesichts der wachsenden Unruhe innerhalb der armenischen Gemeinde in Konstantinopel nicht länger fortsetzen. Im November 2009 entschied der Rat der Geistlichen des Patriarchats mit der Wahl eines „Ko-Patriarch“ das Problem zu lösen. Es wurde ein Ausschuss gebildet, um die Wahlprozedur in die Wege zu leiten.

Am 3. Januar 2010 stellte der Rat der Geistlichen unter dem Vorsitz von Erzbischof Aram Atesyan beim Innenministerium einen Antrag für die Wahl eines „Ko-Patriarchen“. Die Geistlichen waren der Auffassung, dass kein neuer Patriarch gewählt werden dürfe, solange der amtierende noch lebt. Der „Ko-Patriarch“ sollte nach dem Tod Mesrob Mutafyans sein Nachfolger werden. Am 14. Januar stellte der Wahlausschuss einen Antrag auf Neuwahl des Patriarchen. Somit musste die Regierung über zwei unterschiedliche Anträge entscheiden. Es dauerte lange, bis sie am 29. Juni ihre Entscheidung auf den Antrag des Rats der Geistlichen bekannt gab: Weil der Patriarch noch am Leben sei, gäbe es keine rechtliche Grundlage für die Wahl eines neuen Patriarchen oder eines Ko-Patriarchen. Es könne nur ein Stellvertreter gewählt werden. Obwohl in der Armenisch Apostolischen Kirche die Wahl eines „Stellvertreters“ nicht vorgesehen ist, legte der Rat keinen Widerspruch ein.  „Die Regierung hat leider keine Erlaubnis erteilt, um einen Patriarchen oder Ko-Patriarchen zu wählen“, sagte Erzbischof Atesyan, der Vorsitzende des Rates der Geistlichen. Er kündigte gleichzeitig an, entsprechend dem Wunsch der Regierung die Wahl eines „stellvertretenden Patriarchen“ an. Der erweiterte Rat der Geistlichen wählte bereits am 1. Juli ihren Vorsitzenden in das neue Amt. gewählt. Es gab keinen Gegenkandidaten. Erzbischof Bekdjian und Bischof Culciyan, die zwei Kandidaten für das Amt des Patriarchen bzw. des Ko-Patriarchen, waren einfach übergangen worden. Sie sahen sich genauso vor vollendete Tatsachen gestellt, wie die Armenier Konstantinopels.

 „Der Tradition der Wahl des geistlichen Führers durch das Volkes,  die wichtigste Besonderheit des armenischen Patriarchats in der Türkei, wurde ein schwerer Schlag versetzt“, schrieb Rober Koptas, der Chefredakteur der Agos. Der Wahlausschuss, dessen Antrag das Innenministerium unbeantwortet ließ, erklärte, dass er alles tun werde, um zu Verhindern, dass das demokratische Recht der Gemeinde, den Patriarchen zu wählen, abgeschafft wird. Inzwischen hat der Ausschuss Klage gegen das Innenministerium eingereicht und scheint entschlossen zu sein, alle rechtlichen Mittel auszuschöpfen, um die vom Rat der Geistlichen vorgenommene Wahl eines stellvertretenden Patriarchen für ungültig zu erklären. Dr. Sarkis Adam, Mitglied des Diözesenbeirats der Armenisch Apostolischen Kirche in Deutschland, schrieb in der „HyeTert“: „Mit einem Beschluss der Regierung wurde die Periode des ‚Patriarchen Stellvertreters’ eingeleitet. Nach meiner Überzeugung wäre es am Besten, wenn sofort mit Rechtsmittel Widerspruch gegen diese Entscheidung eingelegt würde. Die Armenier in der Türkei müssen entschlossen sein, ihr gesetzmäßiges Recht auf Wahl eines Patriarchen oder Ko-Patriarchen durchzusetzen.“ Der Primas der Diözese der Armenisch Apostolischen Kirche in Deutschland,  Erzbischof Karekin Bekdjian, der als der aussichtsreichste Kandidat für das Amt des Patriarchen galt, stellte in einem offenen Brief zehn  Fragen an den Rat der Geistlichen, um Klarheit darüber zu bekommen, wie es zu einer solchen, sowohl für die Kandidaten für das Amt des Patriarchen als auch für die Armenier von Konstantinopel überraschenden Entwicklung kommen konnte. Erzbischof Karekin Bekdjian schreibt am Ende seines offenen Briefes: „Falls im Vorgehen und in dem Beschluss des Rates der Geistlichen Unregelmäßigkeiten gab, dann werden sie nicht ohne Konsequenzen bleiben. Auch wenn wir, die gewöhnlich Sterblichen, in dieser, die Zukunft der Kirche betreffenden Frage unsere Augen vor den Unregelmäßigkeiten verschließen sollten, so wird Gott sicher einschreiten und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen.“ Auch Bischof Sebuh Culciyan, der in der Provinz Gukark der Republik Armenien tätig ist und ebenfalls für das Amt des Patriarchen kandidiert hatte, erklärte in einer in der Wochenzeitung Agos veröffentlichten Stellungnahme: „Wenn die Regierung keine Erlaubnis für die Wahl eines neuen Patriarchen erteilt, hätte sie wenigstens erlauben sollen, dass ein Ko-Patriarch gewählt wird, was im Sinne der von ihr immer wieder beschworenen Politik der ‚demokratischen Öffnung’ entsprochen hätte. Die armenische Gemeinschaft in der Türkei hatte erwartungsvoll auf eine solche Entscheidung gehofft.“

Weil der Rat der Geistlichen und der zivile Wahlausschuss zwei unterschiedliche Anträge gestellt hatten, entstand teilweise der Eindruck, als ob diese „Unstimmigkeiten innerhalb der armenischen Gemeinschaft“ der türkischen Regierung die Gelegenheit geboten hätten, in der Angelegenheit zu intervenieren. Die vorgeschlagene „Empfehlung“  erscheint für manche Armenier sogar als eine Art akzeptable Lösung der innerarmenischen „Unstimmigkeit“ durch den „neutralen“ türkischen Staat. Es gab tatsächlich unterschiedliche Auffassungen darüber, ob ein neuer Patriarch oder lediglich ein Ko-Patriarch gewählt werden sollte. Aber im Januar, als nacheinander zwei Anträge gestellt wurden, gingen die Armenier Konstantinopels davon aus, dass wie üblich sechs seitens der Gemeindemitglieder gewählten zivilen Delegierten und ein geistlicher Delegierter entweder einen neuen Patriarchen oder einen Ko-Patriarchen wählen würden. Die eigentliche „Unstimmigkeit“ ist erst dadurch entstanden, dass der Rat der Geistlichen unter Führung von Atesyan die eigene Gemeinde seines demokratischen Wahlrechts beraubt hat. Auch Erzbischof Bekdjian und Bischof Culciyan , die sich nach Konstantinopel begeben hatten, um sich den Gemeindemitgliedern auf Versammlungen als Kandidaten vorzustellen, gingen  trotz der unterschiedlichen Anträge davon aus, dass zumindest eine Wahl stattfinden würde.

Obwohl der erkrankte Patriarch Mutafyan Erzbischof Sahan Sivaciyan zu seinem Vertreter ernannt hatte, übernahm faktisch Erzbischof Atesyan, der Vorsitzende des Rates der Geistlichen diese Rolle. Zwei Beispiele zeigen, dass er auch außerhalb der Türkei als der „inoffizielle“ Patriarch betrachtet wurde: Im April 2009 traf er sich mit US-Präsident Barak Obama  und auch das Nachrichtenmagazin der Spiegel führte im gleichen Monat ein Interview mit ihm und nicht mit Sivaciyan. Natürlich stellt sich hier die Frage, warum Erzbischof Atesyan, der seit nunmehr über zwei Jahren alle Fäden im Patriarchat in den Händen hält, sich nicht einer Wahl – entweder zum Patriarchen oder zum Ko-Patriarchen – stellen wollte. Hatte der „inoffizielle“ Patriarch nicht die besten Aussichten das Votum der Gemeinde zu bekommen? Aram Atesyan wusste, dass er unter den Armeniern Konstantinopels kaum Rückhalt besaß. Die eilig durchgeführte „Wahl“ nach der Entscheidung der Regierung vom 29. Juni deutet darauf hin, dass er die staatliche „Vorlage“ genutzt hat, um ohne das Votum der Gemeinde – und ohne Gegenkandidaten – die Leitung des Patriarchats nun auch „offiziell“ zu übernehmen.

Kann die Entwicklung in Konstantinopel den Armeniern außerhalb der Türkei egal sein? Das im Jahre 1461 auf Anordnung von Sultan Mehmet II geschaffene Patriarchat hat einen besonderen Platz in der Geschichte der Armenisch Apostolischen Kirche und der Armenier. Nachdem der Großteil Armeniens von den Osmanen erobert wurde, war es im Wesentlichen die armenische Kirche, die dafür sorgte, dass die nationale und  kulturelle Identität der Armenier unter osmanisch-türkischer Herrschaft erhalten blieb. Die großen Verdienste dieser über Jahrhunderte hinweg einzigen funktionsfähigen nationalen Institution können nicht bestritten werden. Namen wie Khrimyan Hayrik und Komitas Vartabed sind untrennbar mit der Geschichte der Armenier und Armenisch Apostolischen Kirche im Osmanischen Reich verbunden. Der Entwicklung um das Patriarchat in Konstantinopel mit Ignoranz und Gleichgültigkeit zu begegnen heißt, seine eigene Geschichte und die Verdienste dieser wichtigen Institution zu verleugnen. Es wäre Ausdruck einer Geringschätzung dessen, was das Patriarchat für das Überleben der Armenier unter osmanisch-türkischer Herrschaft geleistet hat. Das Volk hat sich schließlich in einem langwierigen Kampf das Recht erkämpft den Patriarchen zu wählen. Die Geistlichkeit hat ihm dieses Recht mit der „Wahl“ vom 1. Juli wieder entrissen. Wem die Verteidigung demokratischer Rechte wichtig ist, muss natürlich in Solidarität mit den Armeniern Konstantinopels gegen dieses unrechtmäßige Vorgehen protestieren. Nicht zuletzt stellt sich auch die Frage, warum die armenischen Institutionen, Parteien und Persönlichkeiten, die sensibel auf die anti-armenische Politik des türkischen Staates reagieren, angesichts der Entwicklung schweigen.

Es gibt für Armenier – unabhängig davon, welcher Kirche sie angehören oder Atheisten sind – also viele gewichtige Gründe, warum sie sich mit der Entwicklung um das Patriarchat in Konstantinopel auseinandersetzen sollten. Die „Wahl“ vom 1. Juli, die Dr. Sarkis Adam als den Beginn der „Periode des stellvertretenden Patriarchen“ nennt, scheint vielmehr die Periode des endgültigen Niedergangs des Patriarchats einzuläuten.  Dass ein Gericht diese Wahl annulliert, dürfte sehr unwahrscheinlich sein. Mit einem „stellvertretenden Patriarchen“, der zudem nicht von der Gemeinde „gewählt“ worden war, kann es kein Patriarchat geben. Natürlich liegt dies ganz im Interesse der türkischen Regierung. Aber die eigentliche Verantwortung für die Krise liegt nicht bei ihr, sondern bei Erzbischof Aram Atesyan und dem Rat der Geistlichen. Sie haben – bewusst oder unbewusst – die auf Schwächung der armenischen Gemeinschaft und des Patriarchats abzielende Politik der türkischen Regierung unterstützt. Mit der „Wahl“ vom 1. Juli haben sie sich über den Willen des eigenen Volkes hinweggesetzt, was unvermeidlich zu einer Entfremdung zwischen Gemeinde und Patriarchat führen wird.  Dies wird letztendlich auch für gas Patriarchat selber katastrophale Folgen haben. Anscheinend ist den Verantwortlichen nicht klar, dass sie als die Totengräber dieser für die Armenier wichtigen Institution eingehen könnten.

Staatsminister Egemen Bagis, der zugleich auch Verhandlungsführer bei den Beitrittsverhandlungen mit der EU ist, besuchte kürzlich das Patriarchat in Kumkapi. Er unterstrich die Verdienste des Patriarchen Mutafyan, der, als er noch gesund war, auf Wunsch der türkischen Regierung alle Hauptstädte der EU besucht habe, um für die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen der EU mit der Türkei zu werben. „Er hatte die Bemühungen unseres Ministerpräsidenten und Staatspräsidenten sehr unterstützt“, lobte Bagis den erkrankten Patriarchen. Der eigentliche Grund für den Besuch des Staatsministers war sicher nicht der kranke Mutafyan. Vielmehr ging es der türkischen Regierung darum, sich angesichts des wachsenden Unmuts über die Vorgänge demonstrativ hinter Aram Atesyan zu stellen.

Es kommt jetzt darauf an, dass die Armenier weltweit nicht nur gegen das Vorgehen des Rats der Geistlichen und Aram Atesyans protestieren, sondern  auch gegen die Einmischung der Regierung in die Angelegenheiten der armenischen Gemeinschaft in der Türkei. Die Öffentlichkeit muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass die ohnehin bescheidenen Rechte der christlichen Minderheiten in der Türkei immer mehr einschränkt werden, während die AKP-Regierung sich nach außen hin als tolerant gibt. Sowohl in den Kirchengemeinden als auch in den Kulturvereinen sollte überlegt werden, wie die armenische Gemeinschaft in Deutschland für die Achtung der demokratischen Rechte der Armenier Konstantinopels eintreten kann. Es gibt bereits eine Blog, wo mit einer Unterschriftensammlung die Forderung nach einer Wahl des Patriarchen unterstützt wird: http://www.patrigimizisecmekistiyoruz.blogspot.com/ („Wir wollen unseren Patriarchen wählen“).

Toros Sarian

26.07.2010

www.armenieninfo.net

Be the first to comment

Leave a Reply

Your email address will not be published.


*


4/AAB0Q2qi2hC5WMFScWsapOW0d1ypdvjHSDFgUciTQjW7ImoDTCNLGO4