January 28, 2022

MÜSSEN WIR DIE TATEN DES KOMITEE FÜR EINHEIT UND FORTSCHRITT VERTEIDIGEN?

Der Ausdruck „Genozid” wurde vom Internationalen Strafgerichtshof von Ruanda als das “Verbrechen der Verbrechen” definiert. Geprägt wurde der Begriff durch Raphael Lemkin, einem jüdischen Rechtsanwalt aus Polen.Er ist besonders bekannt geworden durch seine Versuche, eine Konvention zur Verhütung und Bestrafung von Völkermord-Verbrechen für die Vereinten Nationen zu entwerfen, die 1918 schließlich Genozide als ein internationales Verbrechen kodifizierte.Indem er den Fall von Talaat Pascha behandelte, der von einem armenischen Jugendlichen 1921 in Berlin ermordet wurde, begann Lemkin ein Dossier über das zusammenzustellen, was im Osmanischen Reich in Verbindung mit dem Fall geschehen war. Als er den Fall mit seinem Professor erörterte, erfuhr er, daß es keine internationalen Gesetze gab, nach denen gegen Talaat Pascha Anklage wegen seiner Taten erhoben werden könnte. Und er war zutiefst schockiert, als sein Professor den Fall von Talaat Pascha  mit dem eines Landwirts verglich, der nicht dafür verantwortlich gemacht erden könne, die Küken in seinem Geflügelgehege getötet zu haben.1933 verwendete Lemkin während einer Konferenz des Völkerbunds in Madrid über ein internationales Strafgesetz den Ausdruck “Verbrechen gegen internationales Recht” als einen Vorgänger des Begriffs des Völkermords. Nachdem die von den Nazis angeführten deutsche Streitkräfte Europa verwüsteten und in Polen einfielen, wurde Lemkin in die Armee eingezogen, aber nach der Niederlage der polnischen Armee flüchtete er in die USA, wobei er seine Eltern zurückließ. Später, als er als Berater für die Nürnberger Prozesse arbeitete, erfuhr er, daß seine Eltern in den Nazi-Konzentrationslagern umgekommen waren.In seinem 1944 publiziertem Buch „Axis Rule in Occupied Europe” definierte er den Völkermord als Grausamkeiten und Massaker in der Absicht, eine Nation oder eine ethnische Gruppe zu vernichten. Er prägte den Ausdruck aus dem Griechischen „genos”, was Rasse oder Herkunft bedeutet, und dem Lateinischen „cide” für Töten. Lemkin behauptete, daß ein Völkermord nicht die direkte Vernichtung einer Nation bedeuten muß. 1946 gab die Generalversammlung der Uno eine Erklärung über den Völkermord heraus und akzeptierte einstimmig, daß ein Völkermord ein Verbrechen nach internationalem Recht darstellt, indem sie feststellte, daß er das Existenzrecht einer bestimmten Gruppe zunichte mache und das kollektive Bewußtsein der Menschheit schockiere. Lemkin wünschte, daß darüber hinaus eine Konvention zur Verhinderung und Bestrafung eines Völkermord-Verbrechens ausgearbeitet werden sollte. Dieser Wunsch wurde 1948 mit der Verabschiedung der UN- Konvention zur Verhütung und Bestrafung des Völkermord-Verbrechens erfüllt. Lemkin starb 1959 völlig verarmt in einem Hotelzimmer in New York im Alter von 59 Jahren. Obwohl sie diesen Idealisten der Verteidigung der Menschheit allein gelassen hatten,  schrieben Anhänger freundlicherweise im Epitaph seines Grabes: „Dem Vater der Völkermordkonvention”.

Die Periode 1843-1908

1843 überredeten der kurdische Befehlshaber Bedirhan Bey, dessen Aufgabe darin bestand, die überwiegend armenische Bevölkerung von Asita (Hosud), das mit dem Sanjak von Hakkari verbunden war, sowie die Nestorianer zu massakrieren. Armenier und Nestorianer, die sich in die Bergen geflüchtet hatten, sollten zurückzukehren und ihre Waffen abzugeben. Danach wurden diese Leute massakriert und zum größten Teil in den Zap-Fluß geworfen. Die Mehrheit ihrer Frauen und Kinder wurde als Sklaven verkauft. Es wird berichtet, daß mindestens 10.000 Armenier und Nestorianer bei diesem Massaker getötet wurden. 1877 kämpfte die osmanische Armee wieder mit der russischen und benutzte die Gelegenheit dazu, Armenien erneut in ein Schlachtfeld zu verwandeln. Die Soldaten riefen „Tötet die Ungläubigen”. Tscherkessen und Kurden schlachteten in Beyazit 165 christliche Familien ab, einschließlich Frauen und Kinder. 1892 lud Sultan Abdulhamit II die kurdischen Stammeschefs nach Istanbul ein, gab ihnen Militär-Uniformen und Waffen und führte die Hamidiye Kavallerieregimenter mit einigen 22.500 Mitgliedern ein. Auf diese Weise spielte Abdulhamit II politisch das Vereinigte Königreich und Rußland gegeneinander aus und organisierte eine bestimmte ethnisch/religiöse Gruppe gegen eine andere ethnisch/religiöse Gruppe, basierend auf einer Aufteilung in Muslime und Nicht-Muslime. Die osmanische Verwaltung ernannte die größten Feinde der Armenier zu ihren Wachhunden und schuf dadurch eine Streitmacht, die diese sogar in Friedenszeiten zermalmen konnte. Die Verfolgung von Armeniern erreichte ihren Höhepunkt in den Massakern von Sassun im September 1894. Abdulhamit II erklärte kurzerhand Widerstand leistende Armenier zu Rebellen und ordnete ihre Ausrottung an.Die Periode 1908-1914 Europa und Amerika unterstützten ausgiebig die Jungtürken, denen es sehr auf eine Legitimation ankam. Als die Armee der Bewegung mit einer Kampagne gegen Istanbul drohte, führte Abdulhamit II am 24. Juli 1908 eine verfassungsmäßige Monarchie ein. Ohne Scheu waren die gewöhnlichen Leute sowohl erstaunt als auch erfreut. Bewegt von den Slogans von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit, begrüßten auch die Armenier mit Freude die vom Komitee für Einheit und Fortschritt (CUP) kontrollierte Regierung.

Großbritannien und Frankreich vergaben Darlehen zur Unterstützung des neuen Regimes und schickten Berater für das Finanzministerium und die Marine. Um die Folgen der Massaker von 1895 und 1896 zu lindern, steigerten europäische Länder ihre humanitäre Hilfe. Verwaiste Kinder von christlichen Familien wurden in Versorgungszentren untergebracht, und Schulen in östlichem Anatolien eröffnet. Die Einführung der zweiten verfassungsmäßigen Monarchie wurde als eine Versicherung zur Schaffung von Gleichheit unter allen Rassen und Religionen angesehen. Dennoch kam es am 14. April 1909 zu einer neuen Welle des Abschlachtens der Christen in Adana. Das enge Bündnis der CUP mit der armenischen Daschnak-Partei war ein Hauptgrund für das Aufflackern dieser Massaker. Zum ersten Mal wurden bei diesen Angriffen nicht zwischen Armeniern und anderen östliche Christen unterschieden. So wurden auch Syrisch-Orthodoxe, Syrisch-Katholiken und Chaldäer getötet. Weil die Armenier eine Vorliebe sowohl für Handel, Bankwesen und Maklergeschäft hatten als auch für Apotheken, Medizin, Beratung und andere Berufe, bildeten den reichen Teil der Bevölkerung. Dadurch – auch durch ihre Identität als Nicht-Muslims – wurden die Armenier ein klares Ziel für die Angriffe. Als kommerzieller und landwirtschaftlicher Faktor dienten Armenier außerdem als ein Hindernis für eine Germanifizierung Anatolien.

Nach dem Adana-Massaker von 1909 gab es erneut eine Periode der vertraulichen Nachbarschaft, die bis 1913 anhielt. Inzwischen verbesserte die CUP ihre Verbindung mit der militanten Daschnak-Partei. Nach der Umwandlung in eine demokratische Partei, stellte sie drei Abgeordnete in der Nationalversammlung (Meclis-i Mebusan), die 1912 neu gewählt wurde. Auch in diesem Parlament saßen sechs unabhängige armenische Abgeordnete. 1876 hatten der Nationalversammlung noch 67 Muslime und 48 Nicht-Muslim als Parlamentarier angehört. Doch im Januar 1913, nach der Niederlage im ersten Balkankrieg, stürzte die CUP die Regierung (bekannt geworden als die Razzia von Bab-i Ali) und begann, eine Politik der Homogenisierung der Bevölkerung durchzuführen – durch geplante ethnische Säuberungen, bewußte Zerstörungen und zwangsweise Umsiedlungen.

Talaat Pascha bereitete Pläne vor, die Bevölkerung durch Umsiedlung ethnischer Gruppen in Regionen außerhalb ihrer Siedlungsgebiete zu homogenisieren. Nach diesem Plan wurden Kurden, Armenier und Araber gezwungen, ihre Siedlungsgebiete zu verlassen und Bosnier, Tscherkessen und andere muslimische Immigranten an ihrer Stelle angesiedelt. Die deportierten ethnischen Gruppen durften in ihren Zielorten nicht mehr als 10 Prozent der Bevölkerung auszumachen. Außerdem sollten diese Gruppen schnell assimiliert werden. Die Griechen waren schon 1914 von den westlichen Küsten des Landes ausgesiedelt worden.

Zusätzlich zur regulären Armee glaubte Enver Pascha, müsse es Spezial-Kräfte geben, um Geheimoperationen durchzuführen. Deshalb wandelte er die Spezialorganisation (Teşkilat-i Mahsusa), die er als Geheimorganisation vor dem Balkankrieg aufgebaut hatte, in eine offizielle Organisation um. Diese Organisation zählte Geheimdienstoffiziere, Spione, Saboteure und angeworbener Killer zu ihren Mitgliedern. Sie enthielt auch eine Miliz aus kurdischen Stämmen. Ehemalige Kriminelle wirkten als Freiwillige in dieser Organisation mit. Talaat Pascha formte die Hauptgruppe dieser Teşkilat-i Mahsusa aus Banden früherer Verbrecher, deren Freilassung aus den Gefängnissen er arrangierte. In Anatolien agierte die Teşkilat-i Mahsusa unter dem Kommando der Dritten Armee.

Erzwungene Vertreibungen 1915-1916

Die von den Deutschen unterstützte pan-islamische Politik stellte eine tödliche Lösung für die Nicht-Muslime dar, die in den Grenzen des Reichs lebten. Die Bedingungen für die 1915 eingeführte Zwangsumsiedlung waren ganz anders als früheren Maßnahmen. Die Zwei-Monats-Kampagne betraf nicht nur die Armenier, sondern alle Christen in Ostanatolien. Diese Maßnahmen können nicht als Umsiedlung angesehen werden, weil die vorgesehenen Zielorte nicht bewohnbar waren und es ohnehin nur sehr wenige von ihnen gab. Viele Deportierte wurden sofort getötet, entweder noch in den Orten, in denen sie geboren waren und lebten oder außerhalb ihrer Sieglungsgebiete. Andere wurden auf den Wegen ermordet, die sie zu Fuß zurücklegen mußten

Die meisten der sofort Getöteten waren Männer. Frauen und Kinder bildeten den größten Teil jener Gruppen, die in die südlichen Wüsten getrieben wurden. Auf diese Züge wurden fortgesetzt Angriffe ausgeübt, begleitet von Vergewaltigungen der Frauen und Kidnappings der Kinder. Lokale Beamte unternahmen keinerlei Anstrengungen, die Deportiertenzüge mit Nahrungsmitteln, Wasser oder Unterkünften zu versorgen. Im Gegenteil, hochgestellte Beamte und lokale Politiker hetzten Todesschwadrone auf die Deportierten. Diese Überfallkommandos konfiszierten alle Güter der Ausgewiesenen, schickten einiges davon an das Innenministerium und behielten den Rest für sich.

Schließlich schlugen die erzwungene Umsiedlungen in eine Serie von Grausamkeiten um, an denen sogar die Deutschen Anstoß nahmen. Die fortlaufende Operation war nie ein Bevölkerungstausch. Wie vom britischem Sozialwissenschaftler David Gaunt festgestellt, war der Zweck dieser erzwungenen Umsiedlungskampagnen der, eine bestimmte Bevölkerung aus einem bestimmten Standort zu entfernen. Weil alles schnell gehen sollte, erhöhte dies die Einschüchterungen, Gewalttätigkeiten und Grausamkeiten. Da eine wirkliche Umsiedlung überhaupt nicht beabsichtigt war, interessierte sich weder die Verwaltung noch die Armee dafür, wo die deportierte Bevölkerung landete oder ob sie überhaupt physisch überleben würde. Der hohe Grad an Kultur und Zivilisation der Armenier machte den Grausamkeiten gegen sie in den Augen der Welt noch schlimmer. Talaat Pascha zog einen völlig falschen Schluß, indem er schließlich sagte: “Es gibt kein armenisches Problem mehr”.

Schlußfolgerung und Empfehlungen

Der vorstehende Bericht kann nicht annähernd das ausdrücken, was von seinem Umfang, seiner Dimension und seinem Gewicht her wirklich geschehen war. Über diese Grausamkeiten und Massaker wurde nicht nur in europäischen und US-Zeitungen regelmäßig berichtet, sie werden auch in den offiziellen Dokumenten Großbritanniens und der vereinigten Staaten wiedergegeben, sogar in denen Deutschlands und Österreichs, die Verbündete des Osmanischen Reichs waren, sowie in den Protokollen des osmanischen Kriegsgerichts (Diwan i Harbi), in den Beschreibungen von Diplomaten und Missionaren, in Kommissionsberichten und in den Memoiren jener, die diese Ereignisse überlebten.

Für diese menschliche Tragödie gibt es keine Rechtfertigung, auch nicht durch die Tatsache, daß einige armenische Gruppen bestimmte Ansprüche anmeldeten und mit fremden Ländern zusammenarbeiteten. Es führt zu nichts, dieses im Zusammenhang mit dem Völkermord zu erörtern, denn das ist nur ein rechtlicher Begriff, ein Fachwort. Kein Fachbegriff ist gewaltig genug, um diese unbeschreiblichen Vorfälle auszudrücken. Grausamkeiten und Massaker sind mit menschlichen Werten nicht kompatibel. Es ist viel erniedrigender, im kollektiven Bewußtsein der Menschheit als Verbrecher angesehen zu werden, als für die Taten des Völkermords angeklagt zu werden.

Ein Regime, das die Wahrheit verbirgt und leugnet, macht den Staat krank und läßt die Gesellschaft zerfallen. Die Politiker, Akademiker, Journalisten, Historiker und geistlichen Führer in der Türkei sollten dafür sorgen, daß die Gesellschaft der Wahrheit ins Gesicht sehen kann. Der Wahrheit ins Gesicht sehen heißt frei zu werden. Wir können keine Ehre oder Würde für uns beanspruchen, wenn wir unsere Vorfahren verteidigen, die für diese Tragödien verantwortlich waren. Es ist keine humane oder ethische Haltung, die Taten von Abdulhamit II und obersten CUP-Mitglieder sowie der mit ihnen verbundenen Gruppen, Banden und Plünderern zu unterstützen und zu verteidigen. Die Türkei sollte der Welt erklären, daß es die beschriebenen Grausamkeiten und Massaker anerkennt und daß sie in diesem Zusammenhang für die höchsten menschlichen Werte von Wahrheit, Gerechtigkeit und Humanismus eintritt, während sie die Mentalität jener verdammt, die in der Vergangenheit diese Taten begangen haben.

Wenn das geschehen ist, sollte sie alle in der Diaspora lebenden Armenier einladen, Bürger der Türkischen Republik zu werden. Wenn die Armenier der Diaspora in das Gebiet zurückkehren, wo ihre Vorfahren Tausende von Jahren gelebt haben, bevor sie diese zu verlassen gezwungen wurden, ihren Besitz zurücklassend, ihre Erinnerungen und ihrer Vergangenheit, dann kann es sein, daß sich ihre Trauer legt, die jetzt in Wut übergegangen ist. Die gemeinsame Grenze mit Armenien sollte ohne jede Bedingung geöffnet werden. Dies ist es, was das Gewissen, die Humanität und die Vernunft von uns verlangt. Die Türkei wird frei werden, wenn sie sich von ihren Ängsten, Komplexen und Lasten befreit, sie wird frei werden, indem sie den Schmerz der Armenier zutiefst wahrnimmt.

Ümit Kardaş

(Dr. Ümit Kardas ist ein ehemaliger türkischer Militärrichter)

Quelle: Today’s Zaman, 02.05.2010

Übersetzung: Wolfgang Gust.

armenieninfo.net

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